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Machen Sie's gut (Teil 2/2)

20. Juni 2012

...

So saßen wir dann diesmal zu dritt im Zug und ließen die Vorkommnisse der letzten Stunden sacken.
Neulich hatte ich mal wieder Geburtstag, und ich versuchte mich daran zu erinnern, wie meine Wahrnung das Alter anderer Leute betreffend war als ich noch 16 war. Es fiel mir nicht mehr ein. Aber ich dachte an die schönen Dinge, die mir Leute an meinem letzten Geburtstag brachten. 

Es gab wunderschöne Blumen

 und einen bronzenen Engel, der sich auf einem Altar ablegt.

Ich fühlte mich plötzlich erschöpft und hätte mich auch gern irgendwo so abgelegt. Aber wir waren schon wieder zu Hause angekommen und beschlossen noch eine Bar aufzusuchen. Wir gingen zu meiner Lieblingskneipe. Das Programm des Abends war so konträr zu dem eben erlebten, daß meine beiden Begleiter sich bereits nach einem Bier von mir verabschiedeten. Mir gefiel die Abwechslung, und ich blieb noch lange. Ich traf eine liebe Freundin, und obwohl ich kickern musste hatte ich eine Menge Spaß. Ich blieb und blieb und ging irgendwann.
Es dämmerte schon längst, es war fast fünf Uhr, und die Luft war wunderschön. Ich fühlte mich gut und freute mich auf mein geliebtes Bett, die nächsten Tage und vor allem auf Sonntag.
Ich bog in die letzte Straße ein und war fast da. Aber schon von weitem hörte ich einen Mann brüllen. Er saß auf seinem Fahhrad und beschimpfte einen Taxifahrer, der gerade drei junge Gäste absetzte. Er brüllte in einer rauhen lauten Stimme: "Du hast mir die Vorfahrt genommen! Ich zeig Dich an!" Der Taxifahrer blieb ruhig, rief "Mach doch!" aus dem Fenster und fuhr lächelnd los. Der Mann hatte jetzt richtigen Zorn in seiner Stimme: "Du feige Sau! Ich töte Dich!" Die Leute die aus dem Taxi ausstiegen wollten zu ihrem dort parkenden Auto gehen, aber der Mann stellte sich ihnen in den Weg und lehnte sein Fahrrad an das Auto. Er ging in die Einfahrt die zu meiner Wohnung führt, brüllte da lauthals weiter und trat gegen ein großen Holztor. Ich wollte lieber nicht an ihm vorbei gehen, machte einen großen Bogen und stellte mich zu den Leuten die nun abwechselnd ihn, sein Fahrrad am Auto, mich und sich ratlos ansahen. Mir fiel auf, daß ich den Mann schon öfter sah und hörte. Später erfuhr ich, daß er Mitte 50 ist. Er sieht gepflegt aus, hat eine sportliche Statur und fällt sonst nicht weiter auf. Nur manchmal sitzt er spät abends oder nachts in der Nähe meiner Wohnung auf einer Mauer und beschimpft sich biertrinkend mit anderen Mauerhockern. 
Ich erzählte dem Trio davon, und sie wollten gemeinsam mit mir warten bis er sich verzieht. Wir beachteten ihn gar nicht weiter und unterhielten uns einfach leise. 
Und da war es wieder. 
Einer sagte: "Ach, und Sie wohnen hier? Ist eine nette Ecke." 
Ich sagte: "Hast Du mich etwa gerade gesiezt!?" 
Er sagte: "... ich wollte nur höflich sein..."  
Ich sagte: "Achso. Naja... Danke...", und fühlte mich plötzlich bleiernd müde.
Einer der drei nahm in der Zwischenzeit das Fahrrad und stellte es sorgsam auf dem Bürgersteig ab. Daraufhin zog der randalierende Mann sich den Gürtel aus der Hose, wickelte sich jedes Ende links und rechts um die Hände und lief so mit ausgestreckten Armen auf den jungen Mann zu. Die junge Frau die dabei war sagte: "Ääähh... Ich glaube jetzt sollten wir die Polizei rufen bevor schlimmeres passiert...?" Der Mann blieb plötzlich stehen und brüllte: "Polizei!? Jaaa, die Polizei ruf ICH jetzt an! Und dann zeig ich euch wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung an!" Er lief auf die andere Straßenseite, zog ein Handy aus der Hosentasche und rief: "Kommt doch her!" Traut euch nicht, wa? Kommt doch!" Ich sah die drei an und fragte: "Körperverletzung?" Sein logisches Denkvermögen tat er dann folgendermaßen kund: "Da guckt ihr jetzt blöd, nä? ICH ruf nämlich zuerst an, dann kommt IHR alle in die Ausnüchterungszelle!" Ich drehte mich kurz um, weil ich darüber lachen musste. 
Zu diesem Zeitpunkt hätten wir alle gehen können. Unsere Wege waren wieder frei, und es machten auch alle Anstalten aufzubrechen. 
Dann aber hörten wir den Mann mit herzzerreißender Furcht ins Telefon jammern: "Bitte! Kommen Sie schnell! Ich hab solche Angst! Das sind ... eins, zwei, drei, vier Jugendliche, die mich angegriffen haben! Die haben mich vom Fahrrad geschmissen und wollen mich ausrauben! Bitte helfen sie mir! Die greifen gleich wieder an! Kommen Sie schnell!" Er grinste kurz zu uns rüber, nahm seinen Gürtel und schlug damit kräftig gegen ein Kioskschild. Es gab einen lauten Knall, der von den Hauswänden abprallte und durch die ganze Straße hallte. Er schrie auf als wäre furchtbares passiert, legte auf und steckte Das Telefon wieder zurück. Seine Stimme wechselte wieder zu zornigem Gebrüll: "Jaha! Da guckt ihr jetzt blöd aus der Wäsche! Lauft schnell weg, gleich seid ihr dran!" 
Und dann guckten wir wirklich blöd aus der Wäsche, denn der Mann schlug sich selbst mit seinen Fäusten ins Gesicht... 
Ich brachte nur noch ein verdutztes "Äääähhh..." hervor, als wir dann innerhalb kürzester Zeit von fünf Streifenwagen umringt waren. Aus einem Wagen vor und einem Wagen hinter uns sprangen je ein Polizist mit den Händen an den Waffen. Wir standen da wie versteinert und festgewurzelt und starrten den Mann an, der sich mittlerweile liegend gekrümmt auf dem Boden platziert hatte. Es kam ein Krankenwagen hinzu. So wie eben noch der Gürtelschlag durch die Straße hallte, war nun die ganze Luft in blaues Licht getaucht. 
Mir fiel die Tasche aus der Hand, und ich fühlte mich absolut überfordert.
Andere Polizisten liefen zu dem Mann, bildeten eine menschliche Mauer um ihn und überprüften seinen Zustand. Wir wurden auseinander gezogen, und einer des Trios wurde schon abgetastet. Die junge Frau fand als erste die Sprache wieder und erklärte kurz was passierte, als ein Polizist von der anderen Straßenseite rief: "Entwarnung, den kennen wir schon! Guckt mal, er schlägt sich selbst!" Wir wurden losgelassen, und drei Streifenwagen fuhren wieder weg. Der Mann drehte jetzt richtig auf und versuchte die Polizisten mit Lautstärke davon zu überzeugen, daß wir ihm die Verletzungen zugefügt hätten. Er wurde von uns ferngehalten, während wir nochmal genau schildern sollten was passiert ist und unsere Personalien aufgeschrieben wurden. Wir sollten aus seinem Sichtfeld treten solange seine Sicht der Dinge dokumentiert wurde.
Wir stellten uns in die Einfahrt zu meiner Wohnung, rauchten schweigend und beobachteten, wie der Mann mittlerweile um sich tretend in einen Streifenwagen gesetzt und weggefahren wurde.
Die drei verabschiedeten sich nun, und ich sagte: "Ja... Danke, daß Ihr gewartet habt." Dem einen jungen Mann gab ich extra noch die Hand und sagte: "Machen Sie's gut!"
Die guckten mich an, als wäre ich nicht ganz dicht.
Ich lächelte, ging und fotografierte noch eine Rose vor dem Haus.


Hätten die drei das noch gesehen, hätten sie bestimmt den Krankenwagen wieder zurückgerufen...

Isn't it lovely?

17. Dezember 2011

Laut Google Maps wohnt meine andere Hälfte etwa 155 Kilometer von mir entfernt.
Und da das nicht schon unangenehm genug ist, häufen sich die Hürden seitdem ein Umzug in die gleiche Stadt geplant ist. Es gibt einfach Dinge, die man nicht planen kann, die aber trotzdem passieren. Seit Jahren wollen wir diesen Umstand ändern, aber immer gibt es Gründe die das verhindern.
So geht es nur schleppend voran, aber der erste Schritt war schon getan. Es ergab sich ein Arbeitsangebot für ihn in dieser Stadt. Das ist erstmal toll, gestaltet sich aber sehr schwierig. Er ist stolzer Papa von drei großartigen Katzen, und er kann sie nicht so lang allein lassen.
Das bedeutet, daß er momentan nur zum arbeiten herkommt. So haben wir noch weniger Zeit füreinander, als sonst schon...
Und vor zwei Wochen passierte die Superwurst!
Der Herr im Haus - der Kater - brauchte an einem Donnerstag eine Operation mit Vollnarkose. Meine Hälfte sollte nun aber am Freitag Abend arbeiten. Damit der Herr Kater dann jemanden zum Pfötchenhalten hat schlug ich vor dort zu sein, damit der geliebte arbeiten gehen kann.
An dem Samstag hatte ich geplant ein Konzert zu besuchen. Die Karte hing schon seit einem halben Jahr an meiner Pinnwand, und ich freute mich riesig darauf.  Aber so ich machte mich schweren Herzens auf den Weg die Karte wieder zu verkaufen und fuhr los. Wir tranken noch schnell einen Kaffee zusammen, dann fuhr er los.
Trotz meines Wehmuts um das Konzert hab ich ein sehr schönes Wochenende mit den Flauschbällen verbracht. Alles war still, und ich habe mich einfach entspannt.
Wir beobachteten die dicken Krähen, wie sie das Obst und die Körner "reißen", die die Nachbarin hinterm Haus ausgeteilt hat. Aasfresser.


Alle fliegen hastig davon, wenn das Eichhörnchen mit leisen Schnattergeräuschen elegant angesprungen kommt um sich ebenfalls am Buffet zu bedienen.

Wir haben Verstecken gespielt...

... uns ausgeruht...

.. und Wärme gesucht.

Am Samstag Abend kam meine Hälfte todmüde und völlig geschafft wieder. Am nächsten Tag trat ich dann wieder meinen Heimweg an. Das Wochenende hatte mich ein bisschen melancholisch gemacht. Ich hing schweren Gedanken nach und wünschte, daß diese Zeit bald ein Ende haben soll. Ich wurde sogar philosophisch. Ich wünsche einer Zeitära das Ende, um mehr Zeit für meine Wünsche zu erlangen. Wie egoistisch von mir so über ein so kostbares Gut zu denken.
Als ich zu Hause ankam ließ eine kleine Überraschung wieder lächeln.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer fand ich folgendes:

Herzschoki!

Und eine wunderschöne Rose.

Isn't that lovely?
Die hielt nun fast zwei Wochen. 
Darüber hab ich mich sehr gefreut, und solche kleinen Gesten bringen Licht in diese scheinbar endlose, wabernde Nebelphase. 

Herbstgefühle

14. November 2011

Also eigentlich bin ich ja bekennendes Sommerkind.
Ich mag es, wenn ich mich nicht viel kleiden muß, wenn ich einfach irgendwo mal kurz stehen bleiben kann, und die Sonne mich durch und durch wärmt. Ich mag, wenn ich mir Schatten suchen muß, und ich liebe das Geräusch den der Sommer macht. Quietschende Kinder unter Rasensprengern, ächzende Vögel, die sich durch flirrende Luft kämpfen.
Da gehöre ich hin, und da will ich sein.
Und jedes Jahr spielt sich das gleiche ab. Es wird kälter, ich muß Jacken tragen und bekomme schlechte Laune.
Aber dann kommt der tatsächliche Herbst. Man kann riechen wie die Blätter sich verfärben, ich schrecke abends hoch, weil ein Windstoß lauthals die Äpfel vom Baum im Hof bläst, auf einmal wachsen Pilze an den unmöglichsten Orten, die Sonne geht irgendwie anders unter, und Graugänse quaken sich den Weg nach Tunesien.
Und dann fühle ich mich plötzlich wohlig. Es wird langsam kalt, und es frostet ab und an, und dann freue ich mich auf Schnee und Nebel.
Lieber Herbst, ich mag Dich doch!
Für mich beginnt dann schon immer das neue Jahr. Alles legt sich langsam zur Ruhe und bereitet sich auf den erneuten Start im Frühling vor.
Außerdem kann man jetzt viele schöne Dinge fotografieren:








Jetzt brauche ich nur noch einen neuen Mantel und Stiefel, dann kann ich die Zeit so richtig genießen.

Hast Du gut geschlafen?

13. September 2011

Der vergangene Mittwoch war ein echt anstrengender Tag.
Ich traf anstrengende Kinder, hörte unfassbares von anstrengenden Müttern und unsägliches von Lehrern, wo ich nur den Kopf schütteln und mir auf die Lippen beißen konnte.
Zu allem Überfluß entleerte noch die Batterie einer unserer vielen Rauchmelder ihre letzte Energie und schlug Alarm. Es ist dann nicht so, daß nur diese eine Rauchmelder aus vollen Kräften piept... Nein... Die Mistviecher sind funkverbunden, und es schreien dann ALLE Rauchmelder herz- und trommelfellzerreißend. Die anderen kann man nach und nach ausstellen, aber der betroffene brüllt einem dann noch weiter seinen Zustand in die Frisur. Solange, bis man ihm eine neue Batterie in den Rachen wirft.
Ich war so froh, als ich nach Feierabend und einem Kaffee die letzte Station des Tages anpeilen konnte. Der Supermarkt! Wenn das überstanden ist, könnte ich ein bisschen meine Gitarre quälen, und dann ist Ruhe.

Am Brotregal stand ein Mann, der nach Verzweiflung, Pipi, Hunger, erbrochenem und Alkohol roch. Er nahm einen Kamm aus seiner Hosentasche und sortierte seine ungewaschenen Haare. Seine Finger waren so voller Dreck, daß ich nicht erkennen konnte wo die Fingernägel anfangen. Ich wartete bis er weiterging und griff dann schnell ein Toastbrot. Sein Geruch war so beißend und schwer, daß er einfach stehenblieb, obwohl der Mann schon weitergegangen war. Ich konnte nicht verhindern, daß ich husten und das Gesicht verziehen musste. Der Mann drehte sich ruckartig um, grinste irgendwie... schelmisch und kam wieder zurück.
Er sagte: "Nimm ein anderes Brot!"
- "Warum?"
- "Guck doch! Aus dem hab ich eben zwei Scheiben rausgenommen."
- "Oh! Danke!"
Wir lächelten uns höflich an, ich versuchte nicht zu atmen. Er schluffte wieder weiter, ich legte die Packung ganz nach hinten und nahm mir eine andere. Gedankenvoll ging ich weiter. Er sah so müde aus. Es war so eine Müdigkeit, bei der einfacher Schlaf nicht ausreichen würde. Eine ausgiebige Dusche, eine Rasur, einen anständigen Kaffee, neue Schuhe, einen gewaschenen Mantel, eine magenfreundliche Mahlzeit mit anständigen Zähnen, eine Umarmung von Herzen und ein sauberes warmes weiches Bett dachte ich, könnten seine Müdigkeit vielleicht für einen kurzen Moment bei Seite legen. Aber das war nur Spekulation. Ich sah an ihm einfach nur Resignation, Müdigkeit und tiefes Unglück.
Ich kam an der Wursttheke an, und er stand wieder vor mir. Er fragte höflich aber eine Antwort aus seinen Vorstellungen fordernd, ob er ein oder zwei Scheiben Mortadella bekommen könnte. Es dürfte auch gerne Verschnitt sein. Er hielt der Dame die beiden Scheiben Toast vors Gesicht, und sie verzog es ebenso unkontrolliert, wie ich es vorher tat. Sie lächelte professionell, sagte "Gerne!" und legte ihm eine frisch geschnitte Scheibe Mortadella aus der Auslage auf jede Toastscheibe. Er bedankte sich und ging weiter.
Ich sah die Frau an und fragte mich, ob sie sich nicht wunderte, wo er die Toastscheiben her hat. Aber sie war schon wieder mit anderen Kunden beschäftigt.
Auf dem Weg zur Kasse ging ich an der Haushaltswarenabteilung vorbei und sah wie der Mann eine Packung Frischhaltefolie öffnete, etwas herausnahm und seine Brote einwickelte. Ich musste grinsen. Er tat alles so, als wäre er in seiner riesigen Küche. Ganz selbstverständlich. Und niemandem schien es aufzufallen.
An der Kasse dann stand er hinter mir, und ich wollte nur noch frische Luft. Ich versuchte alles schnell einzupacken und sah, wie er eine Dose Bier mit einem Leergutbon bezahlte. Er verließ den Laden, und die Frau an der Kasse besprühte mit hysterischem Blick alles mit Desinfektionsspray.

Noch zu Hause musste ich über diesen Mann nachdenken. Undefinierte Gedanken, die ich mehr fühlte als dachte.
Ich spielte meine Gitarre und sang meine Stimme. Der Tag war vorbei.
Am nächsten Tag war mir elend. Mein Rücken tat so weh, es war viel zu früh, der Kaffee schmeckte nicht, ich hatte Husten, und ich hatte nicht das Gefühl wirklich geschlafen zu haben. Zum Jammern war mir.
Dann musste ich wieder an den Mann denken und schämte mich kurz ein bisschen über meine Unzufriedenheit. Ich sollte froh sein.

Später dann konnte ich mir eine Pause von der Arbeit freischaufeln, und ich freute mich auf eine Zigarette auf der Parkbank.
Auf der Nachbarparkbank saß der Mann vom Vortag. Seine Haare waren kürzer, und sein Gesicht war rasiert. Die Finger hatten Hautfarbe, und es stieg kein beißender Geruch auf. Er lächelte zahnlos in einen löchrigen Jutebeutel hinein und machte Geräusche, als würde er gleich "Hehehehe!" sagen. Aus dem Beutel zog er ein Gebiß und setzte es ein. Er stellte die Dose Bier auf die Bank und packte grinsend zwei Scheiben Toast mit Mortadella aus. Eine Scheibe Mortadella legte er auf die Folie, klappte die beiden Brotscheiben zusammen und biß genüßlich rein. Dann öffnete er das Bier, trank einen großen Schluck und machte das typische "Ahhhh!" Geräusch nach dem Trinken. Er wurde abgelenkt, als ich meine Zigarette anzündete. Er kaute hastig auf und fragte, ob er die haben könnte. Da ich nur diese bei mir hatte, machte ich sie vorsichtig wieder aus und legte ein Feuerzeug und die Zigarette neben sein Bier. "Oh! Toll! Dankeschön." Er grinste die ganze Zeit. "Hast Du gut geschlafen?", fragte ich, und er kaute "Ja, sehr gut sogar!" Ich stand auf und ging wieder zurück. Hätte er keine Ohren, hätte er im Kreis grinsen können "Hmhm! Ich wünsch Dir einen schönen Tag!", sagte er. - "Danke. Den wünsche ich Dir auch."

Mir dämmerts...

23. August 2011

Es war so leise.
Sonntag morgen ging ich über den Sande nach Hause. Über den ganzen Tag verteilt hatte ich eine Menge Alkohol getrunken.
Samstag früh fing es mit Sekt und Zitronensorbet bei einem Familientreffen bei meinen Eltern an. Es folgte noch mehr Sekt. Dann kam ein Alster zum Essen.
Später packte ich zwei meiner liebsten ein, und wir latschten stundenlang durchs "beschauliche" Heimatdorf.

Sonne.


Wärme.

Spaß.

Blödsinn.

Als wir zurück waren gab es Kaffee, Kuchen und Kaffee. Dann noch Kaffee.
Danach war es ein Aquavit... der mir fast im Halse stecken blieb.
Ich musste ihn mit einem weiteren Alster neutralisieren.

Später dann am Abend war ich auf der Geburtstagsfeier eines lieben Freundes.
Da waren Sekt und Leute und Bier.

Es wurde wirklich spät, und ich trat den Heimweg an.
Mein Kopf war voller Dinge. Voller lauter Dinge. Ich dachte einen Gedanken, der hallte dann so in meinem Kopf rum und ignorierte, daß bereits ein neuer Gedanke gedacht wurde. Der zweite hallte auch, ein dritter folgte... und so weiter. Das einzige was ich nicht bemerkte war der Alkohol. Der hatte sich irgendwo versteckt und machte mich nur unzufrieden. Es war so laut, daß ich nicht nach Hause und schlafen gehen wollte. Mir kam es gerade recht, daß mein Weg "zufällig" an meiner Lieblingskneipe vorbeiführte. Ich kehrte ein und traf sofort lauter tolle Leute.
Es folgte Bier, ein ausgiebiges Gespräch mit einer alten lieben Freundin die sich auch spontan dahin verirrte, Bärenfang und wieder Bier.
Es wurde ruhiger, es wurde hell. Ein guter Zeitpunkt.

Ich trat nun wirklich den Heimweg an.

Drei Dinge fielen mir sofort auf:
Die Helligkeit machte mir überhaupt nichts aus!
Mein Körper machte Bewegungen, die ich nicht erwartet hatte.
Es war unglaublich leise.

Die Stille war ebenso erfrischend wie diese warme Morgendämmerung. Normalerweise wäre es mir ein bisschen zu kalt gewesen, aber das wollte ich ganz spüren. Ich zog meinen Pullover wieder aus und ging im T-Shirt weiter.
Am Sande blieb ich stehen und atmete. Das Taxi das vorbeifuhr schien fast gar keine Geräusche von sich zu geben. Der Taxifahrer winkte, aber ich hatte keine Lust zu lächeln. Ich starrte in den Himmel und genoß es darunter zu stehen.

Ich sah zum Kirchturm und schoß ein Foto.

Die Uhr schlug sechs, ich drehte mich um und schoß noch ein Foto.

Jetzt lächelte ich und ging heim.
Ich war zufrieden.

Und als ob der Himmel mich nochmal an diesen Zustand erinnern wollte, tat er am Montag abend das hier:


Danke, Herr Baudelaire

28. Juni 2011

Die Katze


aus: “Les Fleurs du Mal – Die Blumen des Bösen
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)

I
In meinem Hirn, als wär’s ihr eigner Raum,
Schleicht auf und nieder auf der weichen Tatze
Geschmeidig sanft die schöne, stolze Katze.
Und ihrer Stimme Ton vernimmt man kaum,
So zart und heimlich ist ihr leis Miauen.
Und ob sie zärtlich, ob sie grollend rief,
Stets ist der Klang verhalten, reich und tief
Und Zauber weckend und geheimes Grauen.
Die Stimme, die wie schwere Perlen sank
In meines Wesens dunkle Gründe nieder,
Erfüllt mich wie der Klang der alten Lieder,
Berauscht mich wie ein heisser Liebestrank.
Sie schläfert ein die grausamsten Verbrechen,
Verzückung ruht in ihr. Kein Wort tut not,
Doch alle Töne stehn ihr zu Gebot
Und alle Sprachen, die die Menschen sprechen.
Auf meiner Seele Saitenspiel liess nie
Ein andrer Bogen so voll Glut und Leben
Die feinsten Saiten schwingen und erbeben,
Kein anderer so königlich wie sie,
Wie deine Stimme, rätselvolles Wesen,
Seltsame Katze, engelgleiches Tier,
Denn alles, Welt und Himmel ruht in ihr,
Voll Harmonie, holdselig und erlesen.

II

Und ihrem weichen Fell, das braun und fahl,
Entsteigt ein Hauch, so süss die Sinne labend,
Dass ich davon durchduftet bin am Abend,
Berührt ich’s streichelnd nur ein einzig Mal.
Von je des Orts vertrauter Geist gewesen,
Herrscht sie und richtet und beseelt zugleich
Ein jedes Ding in ihrem weiten Reich;
Ein Feenkind vielleicht, ein göttlich Wesen.
Und wenn mein Blick, magnetisch hingelenkt
Zu jener Katze, die beherrscht mein Sinnen,
Sich wieder wendet, fügsam, ohn Entrinnen
Und still in ihren Anblick sich versenkt,
Dann seh’ ich staunend und im Tiefsten schauernd,
Dass ihre Augensterne feurig fahl,
Leuchtfeuern gleich und lebendem Opal,
Mich unverwandt betrachten, still und lauernd.



Elwing *2000 
†23.09.2010

Juni

13. Juni 2011

Ich würde ja behaupten, daß es Alterssentimentalität ist, aber mir ging es im Juni schon immer so. Seit ich denken kann.
Ende Mai fängt es an. Ich kann mich gar nicht wehren. Ich bekomme einfach gute Laune. Manchmal geht es mir einfach ohne ersichtlichen Grund gut. Meistens scheint die Sonne, und das macht mich glücklich. Ich fange an barfuß und mit hochgekrempelten Hosen und zurückgebundenen Haaren durch die Gegend zu laufen. Ich sehe in den Spiegel und freue mich über meine Sommersprossen.
Zwar könnte ich zu jeder Jahreszeit permanent schlafen, auch im Juni, aber ich fühle mich erholter und fitter. Ich bin beschwingt, inspiriert und kreativ. Das hält sich bis zum Ende des Monats und geht bis in den Juli hinein. Es ist die Zeit in der Mitte des Jahres. Und so geht es mir meistens auch.
Ich bin in der Mitte.
Als ich vor etwa 12 Jahren in diese Stadt gezogen bin, landete ich erst in einem kleinen Dorf neben der Stadt. Ein Dorf mit viel Nichts. Wenn ich vor die Tür trat, stand ich direkt an einem Kartoffelfeld hinter dem ein Wald wächst. Wenn ich morgens schon früh das Haus verlassen habe, traf ich oft Rehe vor der Haustür, und Hasen frühstückten im Vorgarten.

Quelle: Google Maps

Jedes Jahr von Ende Mai bis manchmal Anfang August wuchs vorne an der Hauswand diese wunderschöne "Clematis Snow Queen". Die vermisse ich oft. Sie übersteht auch den härtesten Winter, kleidet meinen geliebten Juni ein, und außerdem hat die Blüte acht Blätter. Acht ist meine Lieblingszahl.

gefunden bei mobot.org

 Leider hat der jetzige Besitzer des Hauses als erste Amtshandlung sämtliches "Unkraut" vom Grundstück entfernt. Möge die Schneekönigin in Frieden zu Erde geworden sein und seinen Vorgarten-Baumarkt-Rhododendron mit Nährstoffen versorgen.

Im Juni werden außerdem Zwillinge (wie ich) geboren. Ich mag Zwillinge. Man sagt ihnen so einige Eigenschaften nach. Sie sollen kommunikativ, neugierig, intelligent und charmant sein. Man sagt ihnen auch nach, daß sie oberflächlich und wankelmütig seien, und daß sie zwei Gesichter hätten. Wenn Leute sowas sagen klingt es immer, als ob sie von Schizophrenie redeten. "Das Ich spaltet sich von der Seele ab". 
Dabei haben die meisten Zwillinge viel mehr als nur zwei Gesichter. Ich bestehe also darauf in der Beschreibung von Zwillingen so von ihnen zu reden, als ginge es um "Polyphrenie".

Ja, ich mag meinen Juni. Und Zum Glück hat er noch 17 Tage :)

 
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